Renntag – aus Peters Sicht 1


Heute übergebe ich an Peter, der den Renntag natürlich viel besser in Worte fassen kann, als ich das je könnte. Mir bleibt an dieser Stelle nur zu sagen, dass man die Bilder vergrößern kann, indem man mir der Maus daraufklickt. Viel Spaß mit Peters Bericht…

In der Nacht vor dem Wettkampf habe ich nur für gefühlte Minuten geschlafen, aber das ist vor einem Ironman normal. Also kein Grund zur Sorge, als dann um 03:45 aufstehen angesagt war.
Erleichterung sogar, dass der Tag der Tage endlich da war. Das rituelle Frühstück auf dem Hotelzimmer (Trockenes Weißbrot mit etwas Marmelade oder Honig), trinken, trinken, trinken und Verpacken der Schwimmutensilien für die Startphase. Rad und Wechselbeutel für die Folgedisziplinen wurden schon am Vortag am Kona-Pier eingecheckt.
Ute ist zu solchen Nachtzeiten natürlich noch nicht ansprechbar, durfte noch etwas schlafen, so machte ich mich mit Philipp auf den 1 km-Fußmarsch zum Pier. Der sonst beschauliche Landungspunkt für Kreuzfahrerbeiboote hatte sich seit gestern in ein Festivalgelände mit Fahrradständern, Umkleidezelten, Schwimmausstieg, Zielbereich etc. verwandelt. Dies alles in grelles Flutlicht getaucht.
Nach dem „Body-Marking“ (Aufkleben der Startnummerntattoos auf die Oberarme) und der üblichen Einlasskontrolle (Die Amis arbeiten rund um den Wettkampf mit schier unvorstellbarem Personaleinsatz. Alle für ihren Einsatz gebrieft und wirklich freundlich.) ging es endlich in die Wechselzone mit den Fahrradständern.
Diese Szenerie wurde nun langsam aber sicher mit den fast 2200 Athleten geflutet, wobei es schon mal richtig eng wurde, vor allem vor den Dixi-Toiletten.
Nerven behalten, die Abläufe für die Disziplinwechsel ein letztes mal durchgehen, den Anbruch des Tages (geht in den Tropen rasend schnell) bestaunen und etwas Sonnenschutz auftragen.
Das zahlenmäßig kleine Feld der Profisportler startet bereits um 06:30. Da kann man noch einen Blick riskieren, bevor es für die über 2000 Amateure/Altersklassenathleten über eine schmale Treppe in die kleine Hafenbucht zum Schwimmstart geht. Da ist Körperkontakt schon unvermeidlich und auch die Zuschauer (zu denen Ute inzwischen auch gehört) säumen dicht gedrängt und lautstark die Bucht. Gänsehautatmosphäre pur.

Die Altersgruppenathleten vor dem Start

Freundliche Helfer auf Surfbrettern sorgen resolut dafür, dass die Startlinie vor dem Abfeuern der Startkanone nicht überschritten wird. Zu erwähnen noch das bei 27° Wassertemperatur das Verharren für 20 Minuten kein Problem ist.
7:00: Startschuss! Der Moment auf den die jahrelange Vorbereitung ausgerichtet war.
Im Fernsehen schon mehrfach gesehen, doch nun mittendrin in den 2000 Armpaaren, die die Bucht von Kona in eine „Waschmaschine“ verwandeln. Da Schwimmen meine stärkste Disziplin ist, hatte ich mich vor dem Start in eine Position nahe der Startlinie einsortiert, doch das verschaffte keinen Freiraum. Die Leistungsstärke bei einer Weltmeisterschaft ist entsprechend groß und der ansonsten riesige Pazifik endete für mich am rechten, linken, vorderen und hinteren mitschwimmenden Konkurrenten. Nichts für Zartbesaitete (dürfen Ironmen und -women auch nicht sein).
Die Bucht von Kona rauf und runter, macht 3,8 km, dann zum Schwimmausstiieg über die schon bekannte kleine Treppe und immer noch mit zahlreicher Begleitung.
Kurz nehme ich die Zeit auf der großen Wettkampfuhr wahr: 1:03 Stunden. Super. Beim Auftaktschwimmen über die gleiche Distanz vor einer Woche waren es noch 1:07 Stunden.
Volle Konzentration auf die Wechselzone. Den Radbeutel an der richtigen Stelle finden, den Laufweg entlang zum Rad, Sportlernahrung (Riegel und Gels) in die Trikottasche, Helm und Brille auf, Rad schnappen und ab geht’s (Schuhe sind natürlich schon am Rad befestigt).

Peter am Anfang der Radstrecke

Irgendwo auf der Startrunde durch Kona, die noch von dicht gedrängt stehenden Zuschauern gesäumt ist, nehme ich Ute und Philipp und die mitgereisten Fans vom SC Neukirchen wahr. Das tut gut. Doch dann geht es nach 12 km auf den einsamen Highway hinaus in die Lavawüsten der „Großen Insel“. Die Radgeschwindigkeit ist phänomenal. Wermutstropfen: Da muss Wind im Spiel sein, doch dazu später.
Aufgereiht wie auf einer Perlenschnur sind die Radler auf den schier endlosen Geraden des Highways unterwegs und nicht immer mit dem vorgeschriebenen Mindestabstand von 10 m, der ein Windschattenfahren verhindern soll. Schließlich sollen Eisenmänner und -frauen aus eigener Kraft vorankommen.
Erstmals diese Woche präsentiert sich auch der Mauna Kea (höchster Berg Hawaiis mit über 4000 m und dem markanten Observatorium) wolkenlos in der Ferne, was hier unten jedoch heftige Sonneneinstrahlung bedeutet.
Die wahnsinnigen Fans lassen es sich nicht nehmen, unter Umgehung des gesperrten Highways, über eine Gebirgsstraße mit dem Auto einen Unterwegspunkt nach 50 Streckenkilometern zu erreichen und Unterstützung in der Einsamkeit zu spenden. Danke!

Treffen in der Wüste…

Dann hinauf nach Hawi, einem verschlafenen Nest an der Nordspitze der Insel, wo nach rund 95 km der Streckenwendepunkt ansteht und zurück, nochmals an den Fans vorbei.
Dann die Ernüchterung: War der Kilometerschnitt eben noch bei fast 40 km/h, so trifft nun ein unbarmherziger Gegenwind auf mich und mein Fahrrad und nur mit Mühe lassen sich eben noch 25 km/h realisieren. Mit meinen Reserven hatte ich bisher diszipliniert hausgehalten (der Tag ist ja noch lang), doch nun kommt eine harte Probe: Die letzten 50 km der 180 km-Radstrecke verlangten mir einiges ab.
Nach quälenden 2 Stunden der Abzweig zurück zur Wechselzone in Kona. Wie lag ich in der Zeit? Zunächst blieb die Frage offen, da ich aus guten Gründen im Wettkampf ohne Uhr fahre und mich nur auf mein Körpergefühl verlasse. Nachher habe ich erfahren, das es 5:18 Stunden waren, nur 8 Minuten langsamer als in Frankfurt bei der Qualifikation, und das nach dieser Tortur für die „Radflasche“.
Wieder durch die Wechselzone. Nette Helfer nehmen das Fahrrad entgegen, Laufbeutel schnappen, rein ins Wechselzelt, Schuhe, Socken, Mütze und weitere Gels an der richtigen Stelle platzieren. Laufen fühlt sich gut an, also los!
Auf der Laufstrecke wird es zunächst lebhaft. Entlang der Küste geht es innerorts zunächst zum südlichen Wendepunkt. Hier ist es grün, man ist nie allein, und Schleierwolken haben rechtzeitig die Sonneneinstrahlung etwas gedämpft. Die Temperatur im Schatten soll nach Wetterbericht wie fast an jedem Tag 29° sein. Doch Schatten fällt fast nie auf die Laufstrecke.

„Jetzt kommt die Kür!“

Mein Tempo ist gut, sodass ich viele Athleten, die mich auf dem Rad überholt haben, hier wiedersehe.
Verpflegung, Schwämme, diverse Getränke gibt es nach jeder Meile (ca. 1,6 km) und die sollte ich noch reichlich brauchen.
Anfangs hatte ich Ute und Philipp noch zugerufen, dass nach der „Radpflicht“ jetzt die „Laufkür“ folgen wird, doch wurde ich nach 16 km, als es aus der Stadt wieder zurück in die Wüste ging, deutlich kleinlauter. Die Schritte wurden kürzer. Hätte ich doch meinen Mund gehalten…
Nach dem nördlichen Wendepunkt im „Energy-Lab“ (eine Forschungseinrichtung für regenerative Energien, die wir am Montag noch besichtigen wollen) und die wegen der vorherrschenden Windstille als Glutofen berüchtigt ist (km 29) sind es immer noch lange 13 km zurück.

…nur noch von hinten…

Die eigentlich nur leichte Steigung aus dem Energy-Lab hinaus verlangt mir alles ab und oben angekommen muss ich am Getränkestand erstmals stehen bleiben und versuchen, wieder klarzukommen. Langsam geht es im Laufschritt weiter, den jetzt endlos scheinenden Highway zurück nach Kona entlang. Immer noch 10 km. Als Belohnungssystem gestehe ich mir zu, bei den Getränken immer kurz zu gehen, um dann zwischen den Stationen wieder den Laufschritt aufzunehmen.
Und dann noch das: Oberschenkelkrampf!
Geschwindigkeit bei 0 und tierische Schmerzen. Nun ist Ernstfall für alles, was im Vorfeld geübt wurde: dehnen, massieren und siehe da, nach gefühlt endlosen Minuten Stillstand ging es weiter. Geviertelte Apfelsinen an den Verpflegungsständen haben mich dann wieder auf Kurs gebracht (es muss nicht immer die künstliche Sportlernahrung sein!).
Nun ist mir tatsächlich wieder nach Lächeln und Genießen zu Mute. Die Zuschauer werden zahlreicher an der Strecke und auf dem letzten Kilometer herrscht Gänsehautatmosphäre pur.

Beim Zieleinlauf

Ich lasse meinen Gefühlen freien Lauf und als Mike Riley, der legendäre Zielkommentator mir zubrüllt: „You are an Iroman!“ weiß ich, dass das vollbracht ist, was seit vielen Jahren nur ein Traum war.
Ironman-Finish auf Hawaii und das noch lange bevor die Sonne an diesem Tag über dem Pazifik unterging.
Der Marathonlauf war dann mit einer Zeit von 3:36 Stunden noch ganz in Ordnung und die Gesamtzeit von 10:05 Stunden hätte ich vorher nicht für möglich gehalten. Nur der Vollständigkeit halber: Unter meinen ca. 240 weltweiten Altersklassenkollegen der M 45 wurde ich 69., im Gesamteinlauf 670.
Der Dank dafür, mir diesen langen Tag zu ermöglichen (denn es reicht nicht wenn ich schwimme, Rad fahre und laufe) geht an die, na die wissen das alle schon…

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